Betriebszeitung Beispiel Essay

62 Reiche sollen zusammen genauso viel besitzen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Diese Zahl schockierte unseren Autor. Doch was ihn fast noch mehr traf: Damit steht er scheinbar alleine da.

Es war in der fünften Klasse, als bei einem Schüler plötzlich Panik ausbrach. Seine Mitschüler hatten in einem Klassenzimmer Feuer gelegt, die Flammen drohten auf die Vorhänge überzuspringen, da rannte der Junge in heller Aufregung auf den Gang, dem Lehrer Hanselmann direkt in die Arme. "Herr Hanselmann, Herr Hanselmann!", schrie der Schüler sehr aufgeregt. "Es brennt! Es brennt!" Hanselmann, der wegen seiner beeindruckenden Kenntnisse der griechischen und römischen Mythologie allgemein sehr geschätzt wurde, reagierte unerwartet gleichgültig: "Jetzt komm", sagte er unfassbar ruhig, "steck dir doch erst mal das Hemd in die Hose und atme tief durch." Auch die anderen Schüler schienen angesichts des drohenden Großbrandes nicht sonderlich entsetzt zu sein. Grinsend beobachteten sie, wie Hanselmann dem Fünftklässler bessere Manieren beibringen wollte und schlurften in Richtung Pausenhof. Das Feuer hat dann der Hausmeister gelöscht.

Dieser Tage nun ließ einen diese Nachricht senkrecht im Bett stehen: "62 Menschen gehört zusammen genauso viel wie der gesamten ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung." So meldete es der Radiowecker unter Berufung auf eine neue Studie der Hilfsorganisation Oxfam.

"Und jetzt zum Wetter."

Die Zahl ließ einen nicht mehr los. 62 Supersuperreiche auf der einen Seite, die zusammen genauso viel haben wie 3,7 Milliarden Menschen auf der anderen Seite. Sollte die Zahl auch nur ansatzweise stimmen, so würde doch mit Sicherheit jetzt ein Aufschrei durchs Land gehen, ja, über die ganze Welt.

Man ging zum Bäcker, kaufte sich ein paar Zeitungen, stieg in die U-Bahn und suchte Menschen, mit denen man über den riesigen Spalt zwischen Arm und Reich diskutieren konnte. Mittlerweile hatte man herausgefunden, dass Oxfam im Jahr 2010 noch von 388 Superreichen gesprochen hatte. Vier Jahre später waren es nur noch 80. Oxfam ist ja nicht irgendeine Organisation. Sie arbeitet weltweit dafür, dass Menschen in ärmeren Ländern einen sicheren Arbeitsplatz und Zugang zu Bildung und Nahrung haben. Unabhängig von Nationalität, Religion und Geschlecht. Eine der Fragen, die man sich nun stellte, war: Werden es im Jahr 2020 womöglich nur noch zehn Personen sein, denen die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung gegenüber steht? Und im Jahr 2025?

Der Tennis-Skandal interessiert viele. Die Oxfam- Zahlen eher nicht

Man dachte an Heinrich Heines Gedicht "Weltlauf": "Hat man viel, so wird man bald/Noch viel mehr dazu bekommen./Wer nur wenig hat, dem wird/Auch das Wenige genommen./Wenn du aber gar nichts hast,/Ach, so lasse dich begraben -/Denn ein Recht zum Leben, Lump,/Haben nur, die etwas haben."

Die Leute, die man so traf, sprachen aber über ganz andere Dinge. Über den Rekord-Jackpot in den USA, dessen Millionen sie so gerne selber auf dem Konto hätten. Über den Tod von David Bowie oder ob man gestern "Wer wird Millionär?" gesehen habe. Da sei ein dicker Kandidat auf dem Jauch geritten wie auf einem Pferd.

Sie plauderten, dass der Maschmeyer bald Juror in einer Show sei, die "Die Höhle der Löwen" heiße, sie diskutierten, warum Gunter Gabriel das Dschungelcamp so früh verlassen hat. Sie fragten, ob man nicht auch empfinde, dass das Welt-Tennis durch den Bestechungsskandal ganz schön erschüttert werde. Oder, ob der Söder sich heimlich über Seehofers Schwächeanfall gefreut habe.

Es war ein Gefühl, als treffe man am "Zauberberg" noch einmal all die weltentrückten Figuren, mit denen schon Hans Castorp sieben Jahre verbracht hat. Die Leger von Patiencen, die Fotografen, Schokoladenfresser und Briefmarkensammler. Und man musste an Hans Magnus Enzensbergers Gedicht "Über die Schwierigkeiten der Umerziehung" denken: "Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht/laufen die Leute zum Friseur".

Also wartete man jetzt die Hauptnachrichtensendungen ab, die Diskussionen im Netz und die Zeitungskommentare. Wie Loriot in seinem Sketch hatte man den Eindruck, dass da was ziemlich schief ist, an der Wand. Aber bevor man nun selber aufsteht und alles umschmeißt, wird doch sicher jemand reinkommen und einem das schiefe Bild mal gerade rücken. Da und dort tauchte das Thema dann tatsächlich in den Medien und sozialen Netzwerken auf. Aber recht klein. Kein Aufschrei, wie bei anderen Themen. Zum Beispiel, wenn es um Sexismus oder Rassismus geht.

Es schnürte einem die Luft ab. 62 Superreiche! Man hatte das Gefühl, dass man gerade bei Monopoly eine Straßenkarte nach der anderen umdreht, doch auch mit immer neuen Hypotheken seine Schulden einfach nicht mehr abbezahlt bekommt. Am liebsten würde man das Spiel jetzt sofort beenden und noch einmal ganz von vorne beginnen. Doch der, dem die Schlossallee gehört, sagt, das Spiel mache doch gerade so viel Spaß. "Steck Dir doch lieber mal das Hemd in die Hose und atme tief durch."

Nun las man allerlei Artikel, die sich etwas genauer mit der Oxfam-Studie befassten. In einem stand, das mit den 62 Superreichen stimme wahrscheinlich gar nicht. Es könnten nämlich, je nach Berechnung, auch 59 oder 224 Superreiche sein.

In einem anderen Artikel stand, man könne sich nicht des "Eindrucks erwehren, dass die Ursachen des beklagten Phänomens schon vor Studienbeginn feststanden". Außerdem, so schrieb ein weiterer, wüchsen Mittelschicht und Realeinkommen ja gerade. Kein Grund zur Panik also. Wieder ein anderer bemerkte: "Den meisten Zahlen zu dem Thema kann man nicht trauen." Die Reichen-Liste des Wirtschaftsmagazins Forbes mit dem von der Bank Credit Suisse errechneten Weltvermögen einfach mal so zu kombinieren, das sei nicht seriös. Wer die Oxfam-Zahlen ernst nehme, so las man, der sei sogar ein "Idiot". Und überhaupt: "Eine langsam wachsende Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft" könne man auch durchaus "als gutes Zeichen anhaltender Stabilität deuten". Wie bitte?

Die Internet-Satire-Zeitung Der Postillion immerhin witzelte: "62 fleißigste Menschen genauso reich wie 3,7 Milliarden faulste Menschen zusammen." So ein bisschen Zynismus tat gut. Und irgendjemand postete auf Facebook: "Das haben sie nicht, die Superreichen: Das glockenhelle Lachen der Nachbarskinder über die Schrottkarre, die bei Minustemperaturen nicht anspringt (. . .) und das Gefühl von Regen auf der Haut, wenn der Bus nicht kommt."

Tausende Hanselmänner verlieren sich im Kleinklein und sehen das große Ganze nicht

Dennoch plagte einen dieses saure Gefühl, welches gelegentlich auch Zuschauer von Talkshows plagt. Einer der Gäste hat gerade eine wirklich gute Idee zur Lösung eines großen Problems vorgestellt, jetzt also könnte was passieren, das Studio-Publikum klatscht begeistert, schon wird zu Caren Miosga ins Tagesthemen-Studio geschaltet und die Sendung ist aus. Und jetzt?

Während die Diskussion über die Oxfam-Studie ("fragwürdig", "unglaubwürdig", "wahrscheinlich frisiert") multimedial schon bald wieder abebbte, dachte man immer noch darüber nach, ob es eigentlich irgend einen Unterschied macht, ob es nun 62 oder 224 Menschen sind, denen exakt so viel gehört wie den 3,7 Milliarden anderen. Geht es hier nicht einfach um ein skandalöses Missverhältnis, dessen Existenz auch grundsätzlich niemand anzweifelt? Nur: Warum formulierte das keiner so?

So wie damals in der Schule sah man wieder etwas lodern. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Plötzlich sah man sich nicht nur einem, sondern gleich Tausenden von Hanselmännern gegenüber, die quatschten und quatschten und diese oder jene Formalie kritisierten, die sich im Kleinklein verloren, aber das große Ganze nicht sahen. Und diesmal gab es noch nicht mal einen Hausmeister, der den Brand hätte löschen können.

Es ist ja gut und wichtig, dass dieser Tage so leidenschaftlich über Flüchtlingsströme, Terror und die Zukunft Europas diskutiert wird. Zugleich ist es erschreckend, wie wenig über die Zusammenballung des Kapitals in den Händen einiger weniger geredet wird. Da könnte es nämlich einen Zusammenhang geben.

"Empört Euch", hatte der französische Intellektuelle und Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel einst die Jugend im Kampf gegen den Finanzkapitalismus ermahnt. Gleichgültigkeit gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen sei doch "das Schlimmste, was man sich und der Welt antun" könne. Und auch Papst Franziskus erneuert immer wieder seine Kritik an diesem einen, "an der Wurzel ungerechten" Wirtschaftssystem. Vor zwei Jahren schien die Welt noch weiter zu sein. Da diskutierte sie - teilweise sogar recht leidenschaftlich - die Thesen des französischen Ökonomen Thomas Piketty. Piketty hatte in seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" klargestellt, dass Vermögenskonzentration und wachsende Ungleichheit einerseits zum Kapitalismus gehören, andererseits aber Demokratie und Wirtschaft gefährden.

Im Ameisenhügel der sozial und asozial verlinkten Dauerquassler

Neu war das schon damals nicht. "Der Kapitalismus handelt nur nach den Geboten kältester Zweckmäßigkeit", so hatte es Carl von Ossietzky, von den Nazis verfolgt und mit dem Friedensnobelpreis geehrt, bereits im Jahr 1929 ausgesprochen. "Kapitalismus kennt nicht Sentimentalität, nicht Tradition. Er würgt, wenn es sein muss, schnell und sicher den Verbündeten von gestern ab und fusioniert sich mit dem Feind."

Doch wo sind die Ossietzkys heute? Wo sind die Pickettys, die gebetsmühlenartig und parteiunabhängig wiederholen, dass die Superreichen vor allem deshalb immer reicher werden, weil ihre Kapitalerträge höher sind als Wirtschaftswachstum und Reallohnzuwachs? "Fuck-you-money", wie man das leistungsunabhängig schön sprudelnde Geld schon unter Business-Schülern nennt.

Und wie könnten die Mahner endlich genügend Gehör finden, im Ameisenhügel der sozial und asozial verlinkten Twitter-Facebook-Dauerquassler? Wo ist die Öffentlichkeit, die den ein oder anderen Hoppla-Hashtag einfach mal ignoriert, um sich endlich um das wirklich Relevante zu kümmern? Zum Beispiel um die Bewahrung eines globalen, stets am Schwachen ausgerichteten Wertesystems sowie um schärfste Sanktionen für all jene, die nichts anderes anstreben, als die weitere Vergrößerung ihres Vermögens auf Kosten anderer.

In der Psychoanalyse gibt es - ganz grob gesagt - drei Schulen in der Frage nach dem Glück. Erstens: Macht und Geld (frei nach Alfred Adler). Zweitens: Sex (frei nach Sigmund Freud). Drittens: Sinn (frei nach Viktor Frankl). Woran es uns dieser Tage am meisten fehlt, das ist Sinn. Gemeinschaftssinn. Etwas, das man früher einmal Moral genannt hätte.

Natürlich: Unter den 62 bis 224 Superreichen finden sich Leute wie Bill Gates (gut 80 Milliarden Dollar), der mit viel Geld auch sinnvolle Forschungsprojekte unterstützt. In der kleinen Gruppe der Multimilliardäre finden sich auch einige soziale Aufsteiger wie der ehemalige Englischlehrer und heutige Alibaba-Chef Jack Ma, dessen Unternehmen sehr vielen Menschen Arbeit gibt. Das immerhin macht Sinn.

Alles hingegen, das den Graben zwischen den (selbstverständlich auch von deutschen Konzernen, Krankenhausbetreibern und Hoteliers sehr umworbenen) Reichen und dem nicht allein auf dem Mittelmeer verendenden Rest der Welt weiter und weiter vergrößert, das ist und bleibt zutiefst lebensverachtend.

Sicher, auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum werden sie über all das bestimmt viel, klug und ausgiebig geredet haben. Seltsam nur, dass viele der dort tonangebenden Unternehmen laut Oxfam mindestens eine Niederlassung in einer Steueroase besitzen. Mit diesem Geld könnte man doch auch was für die Allgemeinheit tun.

Ja, es brennt mal wieder. Und tief durchatmen bringt nichts. Also empört euch endlich über die wirklich relevanten Themen. Empört euch. Jetzt.

Im September habe ich mit meiner Tochter Deutschunterricht in einem Flüchtlingsheim gegeben. Wir hatten ein paar alte Kinderbücher dabei und warteten im Aufenthaltsraum auf Interessierte. Als erstes kam ein kleines Mädchen und setzte sich auf meinen Schoß, dann stieß ihre Mutter dazu, ihre Schwester, bald war der ganze Tisch voll, eine syrische Familie, ein afghanisches Mädchen, eins aus der Ukraine. Mit Händen und Füßen brachten wir ihnen ein paar Brocken Deutsch bei. Vier Tage später gingen wir mit Jugendlichen aus dem Heim Fußballspielen. In der Woche darauf machten wir noch einmal Deutsch, aber es kamen nicht mehr viele, und beim nächsten Mal saßen mehr Deutsche an unserem Tisch, die Deutschunterricht geben wollten, als Flüchtlinge. Das war’s mit unserem Hilfseinsatz. Wir kehrten wieder in unsere Leben zurück. Das einzige, was noch übrig ist aus dieser Zeit, sind die Nachrichten der Facebookgruppe des Heimes: Bedarfslisten, Informationen zu Sprachkursen, Einsatzpläne für die Kleiderkammer. Ich überfliege sie meist nur, in dem Wissen, dass die Flüchtlinge in dem Heim in guten Händen sind, aber am 5. Januar tauchte eine Mitteilung auf, wie ich sie auf dieser Seite noch nicht gelesen hatte.

Ein Mann, nennen wir ihn Thomas Krause, schrieb: „Ich melde mich hier ab, nach den Vorfällen in Köln.“ Die Reaktionen folgten prompt: Was die Bewohner des Heimes mit den Anschlägen zu tun hätten? Ob er sich das nicht noch mal überlegen wolle? Dann begann der Shitstorm. Krause wurde als Spinner, Trottel und Pegidiot bezeichnet. „Was für ein Müll“, schrieb einer. „Danke, dass du gehst“, ein anderer. Am Ende wurde darüber gestritten, ob jeder einfach so in diese Gruppe aufgenommen werden sollte. Thomas Krause sagt, das habe ihn an seine WG-Zeit in einem besetzten Haus erinnert.

Er sitzt in einem Café in Prenzlauer Berg, 51 Jahre alt, blass, lange Haare, schmale Brille. Seine Lippen zittern, wenn er redet. Er sagt, er wisse, dass seine Nachricht etwas unvermittelt kam, vielleicht hätte er mehr erklären sollen. Aber warum er denn gleich so beschimpft wurde? Und niemand auf die Mail antwortete, die er später noch abgeschickt hat?

Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten

In der Mail steht, dass er sich als ehemaliger Erzieher nützlich machen wollte, dass er bei einem Vorbereitungstreffen war und eine Radtour organisiert hat. Aber niemand sei gekommen, kein einziger Flüchtling. „Na gut, bin ich eben wieder gegangen“, schreibt Thomas Krause. Man merkt seinen Worten an, wie gekränkt er ist, noch immer. Wie gerne er gebraucht worden wäre. Krause ist arbeitsunfähig geschrieben, er hat Depressionen. Er dachte, die Arbeit im Heim könne ihm ein bisschen Abwechslung bringen. Er hat eher an sich gedacht als an die Flüchtlinge. Sonst wäre er vielleicht auch auf die Idee gekommen, dass die wenigsten überhaupt Radfahren können.

Thomas Krause schaut auf, als ich ihn danach frage, ihm fällt ein, wie er mal einer Koreanerin Radfahren beibringen wollte und sie immer wieder umgefallen ist. Er lacht und für einen Moment scheint er zu bereuen, so überstürzt gehandelt zu haben. Aber dann redet er von den unsicheren Zeiten. Neulich habe er die Zeitungsverkäuferin gefragt, ob sie nicht eine Zeitung habe, in der nur gute Nachrichten stehen. Er könne auch keine Tagesschau mehr sehen, er müsse sich selber schützen, sagt er, auch seine Tochter. Wie solle er ihr denn das alles erklären?

Es ist keine Frage, eher eine Haltung, und diese Haltung, so kommt es mir vor, ist symptomatisch für das ganze Land. Niemand weiß, wie es weitergeht, alle sind unsicher und sehnen sich nach den Zeiten zurück, als es noch einfache Wahrheiten gab.

Für mich ist diese Zeit schon länger vorbei, wahrscheinlich seit dem Tag, als ich bei einer arabischen Familie in Brooklyn auf dem Sofa saß. Es war wenige Tage nach dem 11. September, stündlich kamen Informationen über die Attentäter ans Licht, die die Flugzeuge ins World Trade Center gelenkt hatten, jeder Araber stand auf einmal unter Generalverdacht, und ich wollte darüber schreiben, wie es diesen Menschen geht, wie sie sich fühlen.

Die Familie, die ich besuchte, kam aus Palästina: Eltern, fünf Kinder, Oma, Schwiegermutter. Der Sohn erzählte, wie er aus seinem Klassenzimmer die brennenden Türme sah, die Mutter sagte, wie erleichtert sie war, als sie hörte, dass ihre Freundin, die im World Trade Centers gearbeitet hatte, überlebt hatte. Die Schwiegermutter servierte Kaffee in kleinen Tassen und zog sich dann mit einem Teppich zum Beten ins Nachbarzimmer zurück. Nur der Vater war nicht da. Ich dachte, er sei vielleicht arbeiten und fragte die Frau, ob es sich lohne zu warten. Nein, sagte sie schnell, ihr Mann habe seine Arbeit verloren, er sei spazieren.

Spazieren?, fragte ich. Ich war seit über zwei Stunden da, das Wetter war schlecht, es regnete. Die Frau wurde rot. Ich merkte, dass sie mir irgendetwas verschwieg. Wir redeten noch eine Weile, der Mann tauchte nicht auf. Ich sah ihn erst, als ich vor die Tür trat. Er stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete den Eingang. Ich nickte ihm zu, er schaute weg, und in diesem Moment war ich der festen Überzeugung, in eine Terrorzelle geraten zu sein.

Meine Freundin Debra lachte sich halbtot, als ich ihr davon erzählte. Sie hatte mir den Kontakt zu der Familie vermittelt, der Sohn war in der gleichen Klasse wie ihrer, sie sagte, der Vater habe da vermutlich die ganze Zeit gestanden und nur darauf gewartet, dass ich wieder gehe. Er sei Moslem, seine Religion verbiete es ihm, sich mit einer fremden, unverschleierten Frau ins Wohnzimmer zu setzen und Kaffee zu trinken. Debra, eine Jüdin aus Queens, rollte mit den Augen, als wollte sie sagen, sie fände es ja auch nicht toll, aber diese Leute seien nun mal so. Und ich weiß noch, wie ich meine Freundin damals dafür bewunderte, wie cool ich sie fand. Sie erklärte mir das seltsame Verhalten eines Arabers so unaufgeregt wie den Weg zur nächsten Subway-Station. Nicht weil sie Araber besonders mochte oder verteidigen wollte, einfach, weil sie wusste, dass es Menschen gibt, die anders sind als sie. Debra war vielleicht Jüdin, vor allem aber war sie New Yorkerin, aufgewachsen in einer Stadt, in der acht Millionen Menschen leben, die 800 verschiedene Sprachen sprechen und von denen 36 Prozent im Ausland geboren sind.

Ein paar Jahre später war es eine jüdisch-orthodoxe Familie, die ich besuchte, wieder in Brooklyn. Diesmal saß der Vater der Familie mit am Tisch. Er trug ein schwarzes Gewand, unter seinem Hut kringelten sich Schläfenlocken, während des Interviews klingelte das Telefon, ein Heiratskuppler rief an, es ging um einen Mann für die Tochter. Das Seltsamste aber war, dass mich der Mann nicht ansah, während er mit mir sprach. Wir saßen nebeneinander, ich stellte Fragen, er beantwortete sie, aber nie begegnete er meinem Blick. Eine aufrechte Feministin hätte wahrscheinlich den Raum verlassen, auch ich fühlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut, aber ich blieb, weil ich mir die Geschichte des Buches anhören wollte, das der Mann mit den Schläfenlocken im Schreibtisch seines Vaters gefunden hatte.

Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen

Es war ein altes, vergilbtes Buch mit Hunderten von Namen darin, aufgelistet wie in einem Klassenbuch. Ein Historiker fand heraus, dass die Namen zu KZ-Häftlingen gehörten und die Daten dahinter ihre Todestage waren. Das Buch war ein Totenbuch, ein Zeitdokument, aber auch ein Zeugnis dafür, wie der Vater unter unmenschlichsten Bedingungen eine alte jüdische Tradition weitergepflegt hatte, die Chevre Kadisha. Niemand hatte ihn darum gebeten, er erwartete keinen Dank, er redete nicht einmal darüber. Er hatte es getan, weil er seiner Religion treu bleiben wollte, ihren Regeln. Es waren die gleichen Regeln, die seinem Sohn jetzt verboten, mir in die Augen zu sehen.

Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Das habe ich damals in New York gelernt, und wenn ich in diesen Tagen Nachrichten sehe, Kommentare lese oder Facebook-Debatten verfolge, denke ich, ein bisschen mehr Gelassenheit wäre vielleicht nicht schlecht. Alles ist immer gleich so extrem. Erst werden die Flüchtlinge aufgefordert zu kommen, jetzt sollen sie am liebsten wieder gehen. Erst waren sie Opfer, jetzt, nach den Ereignissen in Köln, sind sie Täter. Der Polizeichef, der alles richtig machen wollte, wird abgesetzt, weil er alles falsch gemacht hat. Aufgeregte CDU-Politiker wollen Gesetze verschärfen, der Kölner Oberbürgermeisterin wird ihre Ärmellänge-Bemerkung um die Ohren gehauen, Feministinnen machen Kampagnen, Pegida marschiert auf. Es gibt fast immer nur Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, kaum etwas dazwischen, keine Zweifel, keine Grautöne. Ich habe das Gefühl, in Deutschland werden gerade alle Fehler gemacht, die man in so einer Situation machen kann, vor allem aber wird mir klar, wie weit wir davon entfernt sind, ein Einwanderungsland zu sein.

In einem Einwanderungsland stehen keine Menschen mit Fähnchen auf den Flughäfen, da sitzen misstrauische Männer, die mit großer Wahrscheinlichkeit selber mal Einwanderer waren, in Glaskästen und wollen wissen, was man hier zu suchen hat. Ich habe in New York immer ein bisschen Angst vor diesen Männern, aber ich beantworte geduldig ihre Fragen, weil ich weiß, dass es dazugehört. Als ich 1999 das erste Mal nach New York zog, wurde meine damals knapp zwei Jahre alte Tochter vor der Aufnahme in ihren Kindergarten ins Labor geschickt, wo man aus ihrem winzigen Arm mehrere Kanülen Blut abnahm, um Krankheiten auszuschließen. Neben uns im Warteraum saßen Männer, die einen Aids-Test machen mussten, bevor sie ihren Job antreten durften. Als ich meinen Sohn in seiner neuen Schule anmeldete, wurden wir von einer unfreundlichen Wachfrau empfangen, die meine ID verlangte und meinen deutschen Personalausweis ansah wie eine ungültige S-Bahn-Fahrkarte. Im Sekretariat interessierte man sich nicht für das Zeugnis meines Sohnes, sondern für seinen Impfausweis. An seinem ersten Schultag lernte er nicht das englische Alphabet, sondern Verhaltensregeln, zusammen mit einem langen Strafkatalog, den sowohl mein Sohn als auch mein Mann und ich unterschreiben mussten. Und wir waren legal im Land, wir hatten Visa.

Auch ich musste in New York völlig neue Regeln lernen. Zum Beispiel, Menschen in der Subway und auf der Straße nicht in die Augen zu sehen. Genauso wichtig ist es, Abstand zueinander zu halten, niemanden anzurempeln. Deshalb springen Leute in New York immer gleich aus dem Weg, wenn man ihnen zu nahe kommt. Oder rufen: „excuse me“ und „sorry“. Das ist nicht freundlich gemeint, es ist eine Frage des Respekts, aber auch des eigenen Schutzes. Man weiß schließlich nie, wer einem gegenübersitzt, nach welchen Normen dieser Mensch lebt, was ihm gefällt, was ihn provoziert.

Erst die Hymne, dann der Eid

Wenn ich den gemütlichen Berliner Polizeibeamten auf dem gemütlichen Flughafen Tegel gegenüberstehe, werde ich wehmütig. Sie kommen mir vor wie aussterbende Exemplare aus einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Ich beneide meine Kollegen, die ganz ruhig bleiben, wenn im Verlag der Strom ausfällt, während ich sofort an einen Anschlag denke. Als vor einem Jahr in Paris der Angriff auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo geschah, entschieden sich viele deutsche Zeitungen, die antiislamischen Karikaturen aus Solidarität mit Charlie Hebdo nachzudrucken. Die New York Times entschied sich dagegen, was hier in Deutschland eine Debatte auslöste und als Feigheit ausgelegt wurde.

Mich verwunderten eher die deutschen Reaktionen. Ich merkte daran, wie sicher man sich hier noch fühlte, wie heil die Welt noch war, denn es gehört nicht viel dazu, „Je suis Charlie“ zu rufen, wenn man selber nicht bedroht ist. Und es ist leicht, mit Fähnchen zu winken, wenn Menschen ins Land kommen, die sonst vielleicht im Mittelmeer ertrunken wären. Aber diese Menschen so zu sehen, wie sie sind, sie weder zu verklären noch zu verdammen, nur weil sie sich nicht so verhalten, wie wir das von ihnen erwartet haben – das ist die eigentliche Herausforderung.

Die deutsche Welt ist nicht mehr heil, wenn sie das jemals war. Man kann versuchen, das nicht an sich ranzulassen und den Fernseher auslassen, wie Thomas Krause das beschlossen hat. Oder man geht ins Rathaus Neukölln zur Einbürgerungsfeier. Am vergangenen Dienstag hatten sich dort 45 Menschen aus 21 Ländern versammelt, die nur eins miteinander gemein hatten: Sie wurden an diesem Tag deutsche Staatsbürger. Erst wurden die Hymnen der 21 Länder gespielt, dann wurde jeder einzeln nach vorne gerufen, musste den Eid aufsagen, bekam eine Urkunde. Am Ende sangen alle zusammen die deutsche Nationalhymne. Zwei kleine libanesische Jungs, ein syrisches Mädchen, ein dänischer Professor, eine junge Polin, ein schwuler Tunesier, der seinen deutschen Freund mitgebracht hatte und allen voran die blonde dralle Neuköllner Bürgermeisterin, die aus Frankfurt an der Oder kommt. Das war so schön und bewegend wie aus einem Hollywoodfilm, und ich dachte, das neue Deutschland, so könnte es aussehen.

Als ich zurück zur U-Bahn lief, bekam ich einen Anruf. Ob ich schon gehört hätte. In Istanbul habe sich jemand in die Luft gesprengt, unter den Opfern seien vor allem Deutsche.

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